Mittwoch, 14. November 2018
DIE LINSBURGER CHRONIK

VON JÄGERN UND SAMMLERN (1)

Vor einigen tausend Jahren haben Jäger und Sammler diese Gegend durchstreift, wilde Tiere erlegt und Beeren und Früchte gesammelt, um zu überleben. Die Ausgrabung eines Lagerplatzes von Rentierjägern am Giebichenstein in der Nachbargemarkung Stöckse zeugt davon. Doch Jäger und Sammler gibt es auch heute noch.
Die Sammler zieht es schon im Juli in den Grinderwald, denn dann sind dort die Bickbeeren reif, auch Blaubeeren oder Heidelbeeren genannt. Von weit und breit kamen früher die Leute zum Bickbeerpflücken angereist, bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts überwiegend mit der Bahn. Überall im Wald leuchteten dann die roten Röcke der Schaumburger Trachten, denn aus dem Schaumburgischen kamen besonders viele Pflücker. Einige Gruppen, manchmal auch komplette Familien, übernachteten dann in den Scheunen bestimmter Höfe hier im Ort. Auch die Förster hatten dann viel zu tun, mußten sie doch aufpassen, daß auch alle Pflücker einen Leseschein gelöst hatten.

Einen Teil der süßen Früchte konnte man bereits im Walde verkaufen, denn die Aufkäufer kamen mit ihren Fahrzeugen direkt dorthin. Vor dem II. Weltkrieg zogen auch Linsburgs Lehrer mit ihren Schülern immer für einen Tag in den Wald, um die Schulkasse etwas aufzubessern. Meistens wurde das Geld für einen Ausflug verwand, in den 50er Jahren sammelten die Schulklassen zu diesem Zweck Bucheckern. Diese benutzte man als Saatgut zur Anzucht neuer Bäume.

Heute sind es nur noch wenige, die man bei dieser mühseligen Arbeit im Walde antrifft. Die Angst vor dem Fuchsbandwurm hält manchen fern, außerdem ist das Pflücken der viel größeren Kulturheidelbeeren in den Eilveser und Brokeloher Plantagen lange nicht so mühsam.

Durch die intensive Nutzung der Grünlandflächen ist der Wiesenchampignon nur noch auf wenigen Weiden zu finden, in den Linsburger Wäldern jedoch finden die richtigen Pilzkenner in guten Pilzjahren so manche Mahlzeit. Dann ist auch der Grinderwald wieder das Ziel vieler Neustädter und Hannoveraner und das Wild hat Schwierigkeiten, noch eine ruhige Ecke zu finden. Ebenfalls im Herbst zieht es den einen oder anderen Sammler in Linsburgs Feldmark, denn dort findet man dann mancherorts Brombeeren und Himbeeren. Aus diesen Früchten kann man leckere Marmeladen und Säfte machen; doch das Pflücken ist eine dornige Angelegenheit.

Die Entwicklung der Jagd

Die Jagd hat Linsburgs Geschichte im 17. und 18. Jahrhundert maßgeblich beeinflußt, denn ohne das welfische Jagdschloß wäre die Entwicklung des Ortes in anderen Bahnen verlaufen. Bevor sich aber die Grundherrschaft entwickelt hatte und der Grundherr schließlich auch das Jagdrecht an sich zog, waren es die hier seßhaften Bauern, die dem Wild mit allen möglichen Mitteln nachstellten, bildete doch die Jagdbeute eine wichtige Nahrungsquelle. Rehe, Hirsche und Wildschweine hatten auch damals schon Gefallen an den Feldfrüchten der Bauern gefunden und galten daher als Schädlinge.

Jagdgesellschaft

Auch Bären und Wölfe waren hier einstmals heimisch und holten sich gelegentlich auch mal ein Stück Vieh. Ihnen stellte man also besonders intensiv nach, bis man sie schließlich hier im norddeutschen Raum ganz ausgerottet hatte. Doch bei den Wölfen war dieses nicht so einfach, immer wieder wanderten Wolfsrudel oder einzelne Wölfe aus dem Osten ein. Noch aus dem 18. und beginnenden 19. Jahrhundert wird von großen Wolfsjagden berichtet, an denen auch die Linsburger Männer als Treiber teilnehmen mußten.

Nachdem sich die Jagd im Laufe der Jahrhunderte zum Vorrecht der Grundherren und schließlich zu deren höfischem Vergnügen entwickelt hatte, mußten die Bauern oft hilflos mit ansehen, wie das Wild in ihren Feldern große Schäden anrichtete. Nachdem man das Jagdschloß hier in Linsburg errichtet hatte, stieg in den Orten rings um den Grinderwald der Wildschaden beträchtlich an, denn der Herzog verlangte in seinem Hofjagdrevier natürlich einen hohen Wildbesatz.

Zwar hatte das Amt Wölpe rund um den Grinderwald die Anlage von Wildäckern mit Klee angeordnet, doch das half wenig. Aus den Jahren 1751 - 53 liegen besonders viele Akten über die Klagen der Bauern wegen des zu hohen Wildbesatzes vor. Sie verlangten auch die Bezahlung des Wildschadens, ob sie aber wirklich Geld bekamen, ist nicht ersichtlich.

Man muß davon ausgehen, daß auch hier die Bauern gelegentlich zur Selbsthilfe gegriffen und gewildert haben. Überwiegend benutzte man dazu wohl das Schlingenstellen, aber auch mit großen Hunden stellte man dem Wilde nach. Das war der Obrigkeit natürlich bekannt, doch ob auch hier deshalb die größeren Hunde nur mit einem großen Knüppel um den Hals herumlaufen durften, um das Hetzen von Wild unmöglich zu machen, ist nicht überliefert.

Da das in den Wäldern gehütete Vieh ein Nahrungskonkurrent für das Wild war und zudem Unruhe in die Wildeinstände brachte, wollten die Herzöge des öfteren den Bauern das Eintreiben des Viehes in bestimmte Waldgebiete verwehren. Doch die Bauern ließen sich das nicht so einfach gefallen und bestanden auf ihren alten Rechten. Im Falle des Westerbuchs beschritt man von Seiten der Dörfer Linsburg und Schessinghausen den Klageweg und bekam letztendlich Recht.
Dieser Fall wurde 1715 sogar erst nach der Einholung eines Gutachtens der juristischen Fakultät der Universität Altdorf bei Nürnberg entschieden. Nachstehend die sinngemäße Abschrift:

„In Klage - Sachen der sämbtlichen Gemeinde zu Linsburg und Scheßinghausen als Kläger eines, entgegen undt wider den Königlichen und Churfürstlichen Landt und Amptsanwalt, Beklagten und aneren Theils erkennen und sprechen königliche Groß Britannische, Zur Churfürstl. Justiz Cantzley abgeordnete Director undt Räthe auf eingeholtes Gutachten außwärtiger Rechtsgelehrter vor Recht, daß die Klagebeschwerde erheblich undt dahero Klägern in der sampt Hude auf dem beschriebenen Westerbuche wiederherstellen, auch dabey solange zu schützen, bis Beklagte in dieser Angelegenheit einen Nachweis dargethan und Erwiesen haben, wirdt von Rechts Wegen (erkannt), daß dieses Urteil den Rechten und an uns versandten Acten gemäß. Bekennen wir decanus und andere doctores der Juristen Facultät bey Nürnberglicheruniversität zu altorf uhrkundt unter unsern größern Facultäts Insiegel So geschehen in Altdorf den Juny 1715 Publicieret Hannover am 23 July 1715." 

An diesem Urteil wird ersichtlich, daß auch ein Kurfürst und König sich manchmal der Justiz beugen mußte. Die Jagdform der Fürsten änderte sich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach, so waren bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Streifjagden üblich gewesen, bei denen mit Pferden und Hunden große Gebiete durchstreift wurden und daher meistens auch größere Stückzahlen an Wild zur Strecke kamen. Dann kam in Frankreich die Parforcejagd in Mode, bei der man ebenfalls zu Pferde, aber mit einer speziellen Hundemeute, einem einzelnen starken Stück Wild nachstellte. Dieses wurde dann, nachdem es von den Hunden gestellt war, vom jeweiligen Jagdherrn erlegt.

Kurfürst Ernst August führte auch hier in Linsburg diese Jagdart ein. Zur Beherbergung der Hundemeute errichtete man bei der Hofstelle des reitenden Försters extra einen Parforcehundestall. Auch die beiden im Grinderwald angelegten, heute noch vorhandenen, sternförmigen Wegekomplexe haben ihre Entstehung wohl der Parforcejagd zu verdanken.

Mit der Aufgabe der Jagdschloßanlage und deren Abriss unter Georg III. konnte der Wildbestand allmählich auf ein für die Landwirtschaft tragbares Maß gesenkt werden. So teilt das „Königliche Ober-Jagd-Departement" zu Hannover 1831 den am Grinderwald gelegenen Ämtern mit, daß der Wildbestand im Grinderwald sehr stark zurückgegangen sei. Man wolle nun die Hege des Hochwildes (Rotwild und Schwarzwild) einstellen und erneut einwechselnde Stücke abschießen.

Rotwild gibt es seither in unserer Gegend nicht mehr, abgesehen von einzelnen jungen Hirschen, die hier alle paar Jahre auf dem Fernwechsel einmal durchkommen. Doch die Wildschweine blieben hier heimisch, ihr totaler Abschuß gelang nicht. Der Bestand war sogar so hoch, daß von Hannover aus gelegentlich immer wieder große Jagden hier abgehalten wurden.

Georg II

Nachdem das Königreich Hannover mit Ernst August seit 1837 wieder einen eigenen König hatte, ließ dieser im Grinderwald fast jedes Jahr große Wildschweinjagden ausrichten. Diese wurden jetzt als eingestellte Jagden ausgeführt, das heißt, mit einem großen Aufwand an Leuten und Hunden trieb man das Wild der ganzen Gegend in einem bestimmten Waldstück zusammen. Dort hinderte man das Wild mit Netzen und an Seilen aufgehängten Lappen, dem sogenannten „Hohen Jagdzeug", am Ausbrechen, doch manchmal ging doch ein Stück „durch die Lappen". Dieses Zusammentreiben dauerte oft mehrere Tage und aus allen Dörfern mußten Männer dabei mithelfen. Am Tage vor der eigentlichen Jagd trieb man das Wild dann in eine Art Gatter mit einem festen Zaun. Nun reiste der König an und ließ das Wild nacheinander durch den sogenannten „Lauf" an seinem Platz, den man auch „Stand" nannte, in der Nähe des Gatters vorbei treiben. Nun schoß der König nacheinander die stärksten Stücke ab, ihm standen dafür zwei Gewehre zur Verfügung, die ihm sein Büchsenspanner immer neu geladen von hinten zureichte. Aus heutiger Sicht eine makabere Jagdart, eher ein Abschlachten. Doch damals dachte sich niemand etwas dabei, und zur Erinnerung an zwei dieser Jagden in den Jahren 1843 und 45 brachte man an dem von Ernst August benutzten Unterstand, der heutigen Ernst August Hütte, eine Gedenktafel an.

Der König reiste zu solch einer Jagd mit seinem adeligen Gefolge in eigenen Kutschen an, doch den Transport der angestellten Jäger, Jagdgehilfen und Ausrüstung mußte von den an der Strecke Hannover - Linsburg gelegenen Ämtern übernommen werden. Die Jagdhunde wurden sogar zu Fuß hin und zurück gebracht. Folgende Anweisung an das Amt Ricklingen läßt erahnen, wieviel Personen und Ausrüstung bei solch einer Jagd jedesmal transportiert werden mußten:

"No........ den 9ten Dezember 1841

An das königliche Amt Ricklingen

Nachdem das Kesseljagen im Grinder Walde beendigt, würden behuf Rücktransport des Hohen Jagdzeuges, des geschossenen Wildes und der sonstigen Bagage von hier nach Hannover, auf nächsten Sonnabend den 11ten d. M. folgende Dienste erforderlich seyn:

a) Zu 18 beladenen Wagen a 4 Pferde mithin 72 mit Umschlagdecken versehene Vorspannpferde
b) 4 mit vier Pferden bespannte mit doppelten Wagenkörben und Strohgesitzen versehenen Erntewagen
c) 24 Mann Hundedienste zur Führung der Hunde

Das königliche Amt Ricklingen wird demnach von dem Unterzeichneten ganz gehorsamst ersucht, thunlichst zu veranlassen, daß besagte Dienste an dem benannten Tage Morgens 11 Uhr in Begleitung des betreffenden Amtsbedienten, und zwar in Hoher Jagdfolge zu Frielingen sich anfinden und bis nach dem Jagdzeughause zu Linden zu Dienen, angewiesen werden.

Meinkingsburg, den 8ten Dezember 1841
Wallmann, Wildmeister"
 

Doch die fast ganz Europa erfassende Revolution von 1848 machte auch vor dem Königreich Hannover nicht halt. Eines der Zugeständnisse, die man dort nun machte, war der Verzicht der ehemaligen Grundherrn auf das Jagdrecht. Dieses wurde nun allen Grundeigentümern übereignet.

Ernst-August-HuetteJetzt brachen für die Jagd und das Wild katastrophale Zustände an, jeder Grundbesitzer konnte nun dem Wilde nachstellen. Mit allen möglichen Mitteln versuchte man Beute zu machen und nahm weder auf Muttertier noch auf ihre Jungen Rücksicht. Schon nach wenigen Jahren war kaum noch Wild vorhanden, und die Regierenden erkannten, daß es so nicht weiter gehen konnte.

Nun wurde ein erstes Jagdgesetz erlassen und das Reviersystem eingeführt, welches nur größeren Grundeigentümern ein persönliches Jagdrecht einräumte. Die kleineren Grundeigentümer mußten ihre Flächen in einer sogenannten Jagdgenossenschaft zusammenschließen und konnten diese anschließend an Interessenten verpachten. Nun war die Zahl der Jäger dadurch begrenzt, daß man pro Jagdpächter eine Mindestreviergröße festgelegt hatte.

Gleichzeitig erließ man Schonzeiten und gab Jagdscheine aus, wenn auch noch ohne Prüfung. Nach mehreren Anpassungen und Verbesserungen entstand daraus allmählich unser heutiges Jagdgesetz. Sein großer Vorteil ist noch immer das Reviersystem, in dem der jeweilige Besitzer oder Pächter eines Jagdrevieres für dieses verantwortlich ist. Er hat dort nicht nur das Jagdrecht, sondern ist auch dafür verantwortlich, daß die Wildbestände nicht zu groß werden, aber auch dafür, daß ein Mindestbestand erhalten bleibt. Erfüllt er diese Pflicht nicht, wird er von der Jagdbehörde zur Verantwortung gezogen.

Das Gegenteil ist das Lizenzjagdsystem, hier kauft der Jäger sich für eine Tierart eine Abschußlizenz und fährt dann zu einem ihm aussichtsreich erscheinenden Ort, um dort sein Glück zu versuchen. Doch dort können es auch andere Jäger versuchen,und so kommt es sehr oft zu einer totalen Überbejagung einzelner Gebiete, von Jagdunfällen ganz zu schweigen.

 

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